Wort 12/03/2008
”Rencontres musicales de la vallée de l'Alzette” in der Pfarrkirche Lintgen
Händel frisch und locker
”Ensemble vocal du Luxembourg” und ”Concert Lorrain” führten den „Messias“ auf
VON ANDRÉ LINK
Händel wird oft so aufgeführt, als throne er in Spitzenjabot und Allongeperücke über einem Marmorsockel. Dass man selbst ein so legendäres Werk wie den „Messias” mit unverkrampfter Frische angehen kann, bewies das Abschlusskonzert der „Rencontres musicales de la vallée de l'Alzette“, bei dem sich das „Ensemble vocal du Luxembourg“ und das „Concert lorrain“ unter der Gesamtleitung von Maestro Wolfgang Helbich zu einer unorthodox leichtfüßigen Händel- Neuinterpretation zusammengetan hatten.
Gänsehaut konnte einen bereits überlaufen, als Florian Deuter, erster Geiger des „Concert Lorrain“, mit elektrisierenden Bogenschlägen, hinter denen voller Körpereinsatz stand, ins Konzert einführte. Seine Impulse übertrugen sich auf das Ensemble, dessen Leiter, Stefan Schultz, überschäumenden Musiziergenuss aus seinem Cello schöpfte. Auf der rechten Seite wob, eingerahmt von einer fest zusammengeschmiedeten Violinenriege, ein besänftigendes Continuo aus Fagott, Oboe, tiefen Streichern und Orgelpositiv (Anne- Catherine Bucher, die bei Gelegenheit ja auch mal das „Concert lorrain“ anführt). In die glasklare Artikulation der Instrumentalgruppe fiel, wie in ein gut geöltes Räderwerk, der Chor mit seiner – solange das Geschehen pastoral blieb – zunächst weich konturierten Diktion ein. Hohle Rhetorik vermied der lockere Ansatz, der den Anschein gab, alle Ausführenden entdeckten mit dem Zuhörer gerade erst die tröstliche Botschaft, die sie mitzuteilen hatten. Am natürlichsten und unverbrauchtesten wirkte wohl die junge tschechische Sopranistin Hana Blazíková. In ihren Arien, die zu den beglückendsten des Repertoires gehören, entfaltete sie eine technisch meisterhafte, lyrisch ausgeformte und wunderschön modulierte Vortragskunst. Recht versiert gab sich der Countertenor Kai Wessel, dem außerdem eine wichtige erzählerische Rolle zukam. Wie groß seine Ausdruckspalette ist, zeigten die Variationen, die er den ausgedehnten Wiederholungen der Arie „He was despised” zu entlocken wusste. Den dramatischen Teil bestritten der dynamische, sehr geradlinige japanische Tenor Satoshi Mizukoshi und der international als Star gehandelte niederländische Bass Peter Kooij. Die markerschütternden Akzente, die dieser der Arie „Why do the nations so furioulsy rage together” aufprägte, sprengten schier den Oratorienrahmen. Andererseits konnte sich Peter Kooij von väterlicher Wärme zeigen, etwa in „The trumpet shall sound”. Geradezu jubilierend rief dazu die Trompete von Susan Williams zur Auferstehung, und mit ihr freute sich das ganze Orchester. Einmal mehr erfüllte, ja, übertraf das „Ensemble vocal du Luxembourg” - ein Chor, der nicht sehr groß, dafür aber erstaunlich geschlossen ist – die in ihn gesetzten Erwartungen. Dabei ist der Bogen vom melodischen Meditieren des Anfangs bis zur Apotheose des Amen – dem wohl längsten der Musikgeschichte – so strapaziös weit gespannt, dass dies selbst so manchen professionellen Chor zu überfordern droht. Das „Ensemble vocal” hielt nicht nur mit bewundernswerter Konsequenz durch, sondern schaffte es auch noch, während der zweieinhalbstündigen Tour de force immer wieder zu überraschen: mit der Innigkeit des „Behold the Lamb of God”, der überwältigenden Polyphonie, die aus dem bodentief geschürften „Surely He hath borne our griefs” emporbrandete, oder dem spannungsvoll aufgeschlüsselten „Halleluja”, dessen ungewohnt beschwingte Rhythmen Wolfgang Helbich auf seinem Podium vortänzelte. Durchblättert man die flott aufgemachte Programmbroschüre der „Rencontres musicales de la vallée de l'Alzette“, kommt man zu der zwingenden Schlussfolgerung, dass diese „Messias“-Aufführung zweifellos strahlender Orgelpunkt eine Reihe glanzvoller Veranstaltungen war, die einem der interessantesten Festivals des Landes sein Gesicht gaben.