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Wort     13/01/2010

Bachs kategorischer Imperativ

Ensemble vocal de Luxembourg und Le Concert Lorrain führten die Messe in H-Moll auf.

VON ANDRÉ LINK


Mit gewaltigem Aufwand wurden am Sonntag in der Pfarrkirche von Lintgen die „Rencontres musicales de la vallée de l'Alzette“ mit Bachs H-Moll-Messe eröffnet. Als mit der Gesamtleitung Beauftragter hatte Ralf Otto alle Register zu ziehen, um den beteiligten Aufführungsapparat (Ensemble vocal du Luxembourg und Concert Lorrain) zusammenzuschweißen und so ein Werk, das in seiner Monumentalität sämtliche Normen und Maßstäbe sprengt, zu einem guten Ende zu bringen.

Bereits der Anfang ging durch Mark und Bein. Gebietend, übermächtig ragt das „Kyrie“ (mit überdimensionalem „K“) wie ein Vorgebirge über einen Ozean, der vorerst noch unbewegt ist. Erst der rhythmisch-intonatorisch beschwingte Einsatz zweier Solostimmen (Hana Blaziková und Kai Wessel) bringt die inerte Masse zum Wogen. Und nach einem kernig-rigiden Auftakt, der bei kritischen Zuhörern einige bange Gefühle aufkommen ließ, gelingt es der vereinten Musikerund Sängerschar, barocke Rhetorik zu einem immer wieder neu aufgefrischten, lebendigen Diskurs zu machen.

Das ist nicht wenig, denn bereits das Credo, das Bach erst in seinen letzten Lebensjahren der 1733 komponierten umd dem Dresdner Hof zugedachten „Missa“ hinzufügte, ist ein Kosmos für sich. Bachs Dialektik umfasst ja eine unerschöpfliche Bandbreite an Themen, von denen die Demut (damals wie heute eine seltene Eigenschaft) ihn wohl am wenigsten interessiert. Bachs Gott ist eine „feste Burg“, die nichts erschüttern kann. In fünfstimmigem Chorjubel dringt der Komponist gregorianisch-fugal zum Kern seines Tongemäldes vor. Im „Crucifixus“ hält man den Atem an, so andächtig intoniert die Sängergemeinde das „Sepultus est“. Mit Pauken und (wunderbaren) Naturtrompeten und dem Tutti-Einsatz aller Kräfte stürmt dann das „Resurrexit“ himmelwärts. Welche Charakterisierung Bach der „unam sanctam ecclesiam“ gibt, habe ich trotz guter Vorsätze dann doch nicht mitbekommen, da das monotone Perorieren von Peter Kooij ein ziemlich enttäuschendes Absinken bedeutete. Auch in seinem ersten Solo – „Quoniam tu solus sanctus“ – vermochte der Bass die ihn begleitenden Instrumente Jagdhorn und Fagott nicht zu Höhenflügen zu inspirieren.

Solistische Harmonie
Anders war es mit den weiteren Solisten. Vom ersten bis zum letzten Einsatz war der Werdegang der tschechischen Sopranistin Hana Blaziková über jeden Tadel erhaben. Ausgefeilte Phrasierungs- und Vokalisierungskunst stellte sie in den Dienst einer hochgradig intelligenten, textbezogenen Interpretation, ganz gleich, won wem sie gerade begleitet wurde. Einfühlsame Partner waren ihr hier die Primgeigerin Catherine Martin, die samtene Traversflöte von Patrick Beuckels und die (was man nicht alle Tage hört) sangesfreudigen Fagottspieler Adrian Rovatkay und Rainer Johannsen. Ein weiterer Johannsen mit Vornamen Daniel gestaltete einen berückenden Tenorpart mit kristallklarer Diktion, geschmeidigen Modulationen und gezielten dramatischen Akzenten. Ohne seinerseits besondere Impulse zu geben, hielt sich der Altus Kai Wessel zunächst zurück. Wahrscheinlich, um seine Zuhörer zu überraschen, denn sein überaus sensibles „Agnus Dei“ sollte einen beglückenden solistischen Abschluss bilden.

Aus dem orchestralen Klangbild leuchteten immer wieder die warmen Farben der Oboen und der von Markus Märkel geführten Positivorgel hervor. Unterdessen lief das „Ensemble vocal“ unter dem energischen Dirigat von Ralf Otto zur Höchstform an. Bereits im „Gratias agimus tibi“ umsprühte ein (bis dahin entbehrtes) Feuerwerk die Koloraturen. War das Gebirge plötzlich zum Vulkan geworden? Jedenfalls durchzuckte etwas wie seismologische Schwingungen den Vokalkörper, der sich sogar periodisch, so im „Cum sancto spiritu“, zu hüpfenden Tanzrhythmen hinreißen ließ. Ein weiterer Höhepunkt gelang im „Sanctus“. Gemäß dem liturgischen Bezug und der Symbolsprache (Hinweis auf die Dreifaltigkeit) ist es vokal und instrumental dreigeteilt. Feierliche Oktavensprünge verkünden die Allmacht Gottes, die krönend im fugierten „Pleni sunt coeli“ und dem doppelchörigen Aufschwung des „Osanna“ gipfeln.

Die Lintgener Aufführung aber schafft mehr: Durch die Gegenüberstellung von breitflächigen Fortissimo-Deklamationen und innig verströmenden Chorälen findet sie zur Beschwörungsgewissheit des „Kyrie eleison“ zurück und kehrt sie siegessicher in einen kategorischen Imperativ um.